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Herr Wu IV: Geflügelspieß Madras

Posted in Herr Wu,Mensabezogenes von connaisseur - Februar 24, 2008

Vom Ende des Portionierbandes traf Herrn Wu die Liebe.

Es war am dritten Tag, nachdem er ins „Serviceteam“ aufgestiegen war. Nun bekam er jeden Tag einen Platz an dem Band zu gewiesen, das den Studenten die Tabletts mit dem „Stamm-Menu“ in langen Reihen entgegen schob. Es hing von der Beliebtheit beim dicken Mensakoch ab, ob man Beilage, Fleisch, Soße oder Dessert auf das Tablett gab, oder ob man Suppe schöpfen musste.

Am dritten Tag war es also gewesen, Herr Wu legte den Curry-Spieß „Madras“ auf das Tablett, als eine Studentin mit runder Brille und verlorenem Blick ans Bandende trat und Herrn Wu anlächelte. Seitdem brannte sein Herz. Doch wie sollte er das Ihre entflammen?

Von der Stiefschwester seiner verstorbenen Mutter erbat er sich per e-mail den stärksten Liebeszauber Südostasiens. Die letzen drei Reisterrassen aus seinem Erbe presste ihm die alte Hexe für eine kleine schwarze Wurzel ab. Vier Monate musste Herr Wu warten, bis es wieder Curry-Spieß „Madras“ gab, denn nur dann kam die Studentin mit der Brille und dem verlorenen Blick. Er schöpfte Reis, als er sie in der Reihe sah. Er zählte die vor ihr Wartenden und die Tabletts auf dem Band.

Noch fünf Hungrige standen vor der Studentin – Herr Wu gab die Wurzel mit dem Reis auf das sechste Tablett, noch vier – Frau Prostic legte den Spieß dazu, noch drei – Frau Tankovsky schöpfte Soße drüber, noch zwei – Frau Güvercin legte den abgelaufenen Schokoriegel daneben. Nur noch einer, ein Student mit Gelfrisur und Barbour-Jacke, stand vor ihr – noch ein Tablett befand sich vor dem Liebeszauberreis. Da beugte sich der Student vor, sah das ihm entgegen geschobene Essen hochmütig an, griff über es hinweg nach dem nächsten Tablett, drehte sich auf den Hacken um und ging. Die Studentin mit der Brille seufzte, zuckte mit den Schultern und nahm das verschmähte Essen. Sie glitt aus Herrn Wus Sichtfeld und mit ihre alle Farben.

In der Nacht ging Herr Wu schweren Schrittes durch die Straßen. Er hatte versucht seinen Kummer mit Schnaps zu ertränken. Er war beim dicken Mensakoch gewesen, der einen unerschöpflichen Vorrat Cognac besaß, den er über den Mensaeinkauf ergänzte. Der Koch hatte den ganzen Abend die thailändischen Transvestiten-Pornos laufen lassen, mit denen sich Herr Wu den Platz am Portionierband erkauft hatte und Herr Wu war noch deprimierter geworden.

Plötzlich griff ihn jemand an dem Arm. „Hi, dich kenn ich! Du bist der Fu-Manchu-lookalike aus der Mensa.“ Unter der Gelfrisur sahen Herrn Wu betrunkene Augen voll irrer Zuneigung an. „He, komm ich kauf dir nen Drink!“ Herr Wu schüttelte den Kopf. Er wies auf den dunklen Kubus der Mensa, vor der sie standen. „Du kommen – ich dir zeigen was“. Er führte den Studenten in den Keller unter der Mensa. Auf dessen ungelenk werbenden Redeschwall antwortete er nur mit kurzen Brocken Ausländerdeutsch.

In der Dunkelheit der Katakomben kreischte der große, vollautomatische Fleischwolf. Roboterarme warfen Fleisch aus großen Transportwannen von oben in ihn hinein. Von einer schmalen Stahlgitterbrücke aus konnte man zusehen, wie ganze Schweinehälften zwischen rotierenden Messern verschwanden.

„Da, du schauen“ sagte Herr Wu. Er legte dem eng bei ihm Stehenden seinen Arm um die Schultern. Sie blickten hinab. Herrn Wus Kopf wurde ganz leicht, vor seinen Augen zerbarsten die Schweinehälften in blutrote Wolken. Der Schwerpunkt des Studenten kippte über das Geländer.

Am nächsten Tag beschwerten sich sieben Esser über Stofffasern in ihrem Hackbraten (Bio). Am Portionierband stand Herr Wu und schöpfte mit steinernem Gesicht Bratensoße.

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6 Antworten to 'Herr Wu IV: Geflügelspieß Madras'

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  1. Niiils said,

    Bravo!!!

  2. wanda(B) said,

    der kreischende Fleischwolf war in meinen Träumen….

  3. surribee said,

    Wow. Es lief mir kalt den Rücken hinab.. und heute gibts Bio-Hamburger. Hmmmmm…

  4. Eusebia said,

    Seufz… Armer Herr Wu. Und was ist aus der Studentin geworden (hmmm… Studentin…)?

  5. Eusebia said,

    Lustig, grad eben lief sie an meinem Bürofenster vorbei: runde Brille, verlorener Blick, blondes Pferdemädchenhaar. Und sie hört Walkman (bzw. iPod)!


  6. ich bin so tief bewegt von diesen vorgängen, dass ich zum ersten mal, seit bestehen des blogs, meine emotionen nicht in einen „Speiseplan für …“ münden lassen kann.


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